01.04.2024
von WP/StB Dr. Matthias Heinrich

Teil II: Auswahl der zu berichtenden Themen im Rahmen der Wesentlichkeitsanalyse

Nach einem grundlegenden Überblick über die Nachhaltigkeitsberichterstattung gemäß der sog. „Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD)“ der EU sowie über die Europäischen Standards der Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS) beschäftigt sich der zweite Teil unserer mehrteiligen Reihe mit dem Herzstück der Nachhaltigkeitsberichterstattung, der sog. Wesentlichkeitsanalyse. In dieser Wesentlichkeitsanalyse werden die einzelnen Themen definiert, über welche im Rahmen der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu berichten ist. Zudem gibt die Wesentlichkeitsanalyse den Unternehmen einen Überblick über die nachhaltigkeitsbezogenen Themen mit Einfluss auf den nachhaltigen Geschäftserfolg des Unternehmens. Die so erarbeiteten Informationen können auch strategisch genutzt werden, um das Unternehmen nachhaltig zu entwickeln.

Inhalt und Zielsetzung der Wesentlichkeitsanalyse

Mit der Wesentlichkeitsanalyse sollen die Themen identifiziert werden, die für eine Organisation und ihre Stakeholder in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance (ESG) am wichtigsten sind. Dazu werden Auswirkungen, Chancen und Risiken der jeweiligen Einzelthemen betrachtet. Hieraus leitet sich ab, über welche Themen ein Unternehmen tatsächlich zu berichten hat. Mit der Wesentlichkeitsanalyse sollen die Unternehmen aber auch Themenbereiche definieren, für die sie eine Nachhaltigkeitsstrategie aufbauen möchten. Dabei werden Ziele definiert, Maßnahmen abgeleitet und Kennzahlen ermittelt, die eine Beurteilung der Nachhaltigkeitsleistung des Unternehmens zulassen und über die dann zukünftig regelmäßig und detailliert zu berichten ist. 

Die doppelte Wesentlichkeit – unterschiedliche Perspektiven zur Bestimmung wesentlicher Themen 

Ob ein ESG-Thema wesentlich ist, ist in einer zweifachen Perspektive zu analysieren:

  • Inside-Out-Perspektive (Impact Materiality): Auswirkungen des Unternehmens auf Menschen und Umwelt;  
  • Outside-In-Perspektive (Financial Materiality): (finanzielle) Chancen und Risiken für das Unternehmen aufgrund von externen Nachhaltigkeitsauswirkungen, d.h. Auswirkungen auf den Betrieb, seine finanzielle Rentabilität und seine (dauerhafte) Überlebensfähigkeit.

Auswirkungen des Unternehmens

Bei der Impact Materiality sind zunächst tatsächliche und potentielle Auswirkungen des Unternehmens auf Menschen und Umwelt unter Berücksichtigung von relevanten Interessengruppen und Stakeholdern zu ermitteln und deren Wesentlichkeit z.B. durch die Definition von Schwellenwerten festzulegen. Dabei ist die gesamte Wertschöpfungskette innerhalb des Unternehmens zu untersuchen. Dies umfasst auch vor- oder nachgelagerte Wertschöpfungsketten, die durch Geschäftsbeziehungen direkt mit dem eigenen Betrieb bzw. mit den eigenen Produkten und Dienstleistungen verbunden sind. 

Beispiel: Bei einem Unternehmen, das Batterien produziert, ist zu prüfen, welche Inhaltsstoffe verwendet werden (z.B. seltene Erden) und ob diese möglicherweise unter Missachtung von Menschenrechten oder mit Hilfe von Kinderarbeit abgebaut werden. 

Ob eines der betrachteten Themen als wesentlich einzustufen ist, bestimmt sich sodann nach 

  • dem Ausmaß: Wie schwerwiegend ist eine Auswirkung? 
  • dem Umfang: Wie weit verbreitet ist eine Auswirkung (z.B. in welchem Gebiet ist die Auswirkung zu spüren oder wie viele Menschen sind davon betroffen)? 
  • der (Un-)Abänderlichkeit: Kann die negative Auswirkung (vollständig oder teilweise) behoben werden?

Finanzlage des Unternehmens

Im Rahmen der Financial Materiality sind Risiken und Chancen zu erheben, die sich auf die Finanzlage des Unternehmens auswirken können. Das Unternehmen prüft in diesem Zusammenhang, ob Abhängigkeiten von natürlichen oder personellen Ressourcen bestehen, aus denen sich ein finanzielles Risiko ergeben könnte. Zudem können z.B. Aktivitäten des Unternehmens negative Auswirkungen auf lokale Gemeinschaften haben, die eine strengere staatliche Kontrolle oder Rufschädigungen zur Folge haben könnten. Die Wesentlichkeit von bestehenden Risiken und Chancen und deren potentielle finanzielle Auswirkungen ist nach den folgenden Kriterien zu beurteilen:

  • Wahrscheinlichkeit des Eintritts;
  • Ausmaß der finanziellen Auswirkungen, ggf. unter Berücksichtigung von Schwellenwerten.

Hinweis: Die jeweiligen Auswirkungen sind kurz-, mittel- und langfristig zu betrachten. 

Die einzelnen Schritte der Wesentlichkeitsanalyse 

Analyse der Geschäftstätigkeiten und Identifikation der Stakeholder 

In einem ersten Schritt sollte eine Übersicht der eigenen Geschäftstätigkeit sowie der gesamten Wertschöpfungskette erstell werden und mit relevanten Stakeholdern verknüpft werden. Dazu werden die einzelnen Geschäftsbereiche, Produktionsprozesse sowie die Geschäftsbeziehungen analysiert und möglicherweise betroffene Stakeholder identifiziert. Hierbei können unterschiedliche Parameter eine Rolle spielen, z.B. geographische und politische Lage, umweltspezifische Situation, regionale Mängel etc. Neben den im Unternehmen verfügbaren Informationen sollen hier auch Medienberichterstattungen, sei es zum Unternehmen selbst, zur Branche oder zu regionalen Aspekten, einbezogen werden. 

Bei der Zuordnung betroffener Stakeholder ist zwischen internen Stakeholdern (Mitarbeitern, Geschäftsleitung, Anteilseignern) und externen Stakeholdern (Kunden, Investoren, Lieferanten, NGOs, Medien, politische Akteure etc.) zu unterscheiden. Bei der Zuordnung der Stakeholder zu den Tätigkeiten/Prozessen sollte auch eine Abschichtung nach der Wichtigkeit der Stakeholdergruppen erfolgen, da nicht jede Gruppe gleich wichtig für das Unternehmen und seine nachhaltigkeitsbezogenen Entscheidungen ist. 

Hinweis: Eine solche Einordnung der Stakeholdergruppen sollte nicht nur aus Sicht der Unternehmensleitung getroffen werden, sondern es sind unterschiedliche Bereiche mit einzubeziehen, um ein möglichst realistisches Bild der wichtigsten externen Stakeholder zu erhalten. 

Themenzusammenstellung 

Aus den Geschäftsprozessen und den einzubeziehenden Stakeholdern kann im zweiten Schritt eine Themen-Longlist erstellt werden, die alle möglicherweise relevanten Themenbereiche aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance enthält. Eine Definition der Einzelthemen, welche zu betrachten sind, ist als Anlage AR 16 zum ESRS 1 beigefügt. 

Hinweis: Oft kann es hilfreich sein, in diesem Schritt auch interne und externe Experten hinzuzuziehen, um die relevanten Themen zu identifizieren. Zudem erfolgt auch bereits eine erste Priorisierung der Themen. 

Identifikation der Auswirkungen, Chancen und Risiken 

Für die Themen der Longlist sind nun die Auswirkungen, Chancen und Risiken zu ermitteln. Dies erfolgt üblicherweise im Rahmen von gemischt besetzten Workshops und Diskussionen, um unterschiedliche Sichtweisen und Schwerpunkte fächerübergreifend erfassen und berücksichtigen zu können. Dabei kann folgendermaßen vorgegangen werden: 

  • Identifikation der Abhängigkeiten von natürlichen, personellen und sozialen Ressourcen;
  • Identifikation von Auswirkungen auf Mensch und Umwelt;
  • Identifikation von nachhaltigkeitsbezogenen Chancen und Risiken, die sich aus den identifizierten Abhängigkeiten und Auswirkungen ergeben; 
  • Kategorisierung der Auswirkungen, Chancen und Risiken, z.B. nach Zeithorizonten (kurz-, mittel-, langfristig); 
  • Erstellung einer Shortlist mit allen Themen, zu denen Auswirkungen, Chancen und Risiken erfasst wurden, und Validierung dieser Shortlist mit den jeweils betroffenen wesentlichen Stakeholdern. 

Bewertung der Auswirkungen, Chancen und Risiken

Die Themen der Shortlist werden nach den oben in Abschn. „Auswirkungen des Unternehmens“ dargestellten Kriterien Ausmaß, Umfang und Unabänderlichkeit für die Auswirkungen bzw. Wahrscheinlichkeit und nach dem Einfluss bei den finanziellen Chancen und Risiken bewertet. Zudem können Schwellenwerte definiert werden, ab wann ein Thema als wesentlich einzustufen ist. 

Hinweis: Um detaillierte Bewertungen vornehmen zu können, kann es sinnvoll sein, die (externen) Stakeholder auch in diesem Schritt nochmals einzubeziehen. 

Wesentlichkeitsmatrix

Die bewerteten Themen der Shortlist werden in der Praxis oftmals in einer Wesentlichkeitsmatrix (vgl. Abb. 1) eingetragen. Daraus können dann unmittelbar die Themenbereiche abgelesen werden, welche als wesentlich eingestuft werden. Diese Themen sind abschließend auch durch das Management nochmals zu validieren. Sodann muss über die als wesentlich eingestuften Themen in der Nachhaltigkeitsberichterstattung unter Angabe von Strategien, Zielen, Maßnahmen und Kontrollgrößen berichtet werden.

Take-away

  • Die Wesentlichkeitsanalyse ist das Herzstück der neuen Nachhaltigkeitsberichterstattung nach den ESRS.
  • In der Wesentlichkeitsanalyse wird definiert und begründet, welche Themen als wesentlich eingestuft und in der Nachhaltigkeitsberichterstattung behandelt werden. Diese Weichenstellung erfordert besondere Aufmerksamkeit.
  • Ausgangspunkt ist die Ermittlung der Auswirkungen, Risiken und Chancen von Nachhaltigkeitsaspekten.
  • Es folgt eine Bewertung der Wesentlichkeiten der identifizierten Aspekte unter Einbeziehung von Stakeholdern.
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